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Shaping Landscapes, Dezember 2008 – Januar 2009
Project MADONNA#FUST

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Eine Landschaft ist stets dort, wo wir sie sehen – sie ist betrachtete und interpretierte Umwelt, und basiert auf der Wahrnehmung einer räumlichen Umgebung als vermeintlich überschaubare Ganzheit. Der Begriff der Landschaft selbst ist nicht präzis definiert – einem klar abgegrenzten geografischen Gebiet kann er kaum zugeordnet werden. Noch am ehesten beschreibt der Begriff eine Wahrnehmungshaltung, eine Art des Sehens und Verstehens der Umwelt, die eine exakte Unterteilung in verschiedene Landschaften eigentlich gar nicht kennt, deren Grenzen fliessend und deren geografische Merkmale äusserst vielfältig sind. Die Landschaft ist ein ästhetisches Ordnungsprinzip des Raumes, aber auch ein metaphysisches Terrain der Vorstellung und der Interpretation. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dieser Auffassung von Landschaft ist aus der Kunstgeschichte bekannt – sie reicht von der niederländischen Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert über die deutsche Romantik und den Impressionismus bis hin zur Land Art und ist, entsprechend ihrer Geschichte, mittlerweile mit zahlreichen Konventionen verbunden. In der neueren Kunst fungiert die Landschaft aber nicht mehr nur als Bildmotiv; sie dient auch in der Funktion eines räumlichen Kontexts, in dem künstlerisches Handeln stattfinden kann.

"Shaping Landscapes" präsentiert neue Werke von vier Künstler/-innen – Jacqueline Baum, Filip Haag, Lena Huber und Rolf Siegenthaler –, deren Arbeiten sich in unterschiedlicher Weise auf Landschaften beziehen und damit verbundene Wahrnehmungshaltungen thematisieren oder auch bewusst unterlaufen. Die Künstler/-innen sind Chronisten der vielfältigen natürlichen Gestaltungsprozesse, die Topographien entstehen und vergehen lassen; erinnern mit einer komplexen Formensprache gleichermassen an Satellitenbilder wie an mikroskopische Aufnahmen, thematisieren die Spuren menschlicher Intervention und deren Zerfall als Teil einer stetigen Metamorphose; untersuchen die Landschaft als Träger von Erinnerungen und Medium subjektiver Empfindungen und thematisieren die An- und Abwesenheit landschaftlicher Räume in der Wahrnehmung des Betrachters. Die vier Künstler/-innen fordern unsere Sehgewohnheiten heraus – sie machen Unsichtbares sichtbar, rücken das Sichtbare in einen neuen Kontext und eröffnen damit die Auseinandersetzung mit einem zeitgemässen Landschaftsbegriff.

Die Künstlerin Lena Huber schafft Werke, in denen das Landschaftsbild zum Erinnerungsraum wird. Sie greift in ihrer Arbeit auf die künstlerische Strategie der Aneignung von gefundenem Bildmaterial zurück und entfernt dieses dabei aus seinem Entstehungskontext.

Die historischen Fotografien – mystisch anmutende Landschaftsbilder und Stationen aus dem Leben einer Familie – visualisieren in der fotografischen Unschärfe den Verlust ihrer eigenen Geschichte. Das Album, aus dem das Bildmaterial stammt, entreisst sie seiner Funktion als Medium der Konservierung geschichtlicher Begebenheiten und als Stütze der Erinnerung. Übrig bleibt unidentifizierbares, in seinem gesellschaftlichen und geografischen Kontext nicht mehr verortbares Bildmaterial. Die Fotografien verlieren ihren dokumentarischen Wert, ihren Aufzeichnungscharakter – und werden zu reinen Bildern. Durch eine geschickte räumliche Inszenierung provoziert sie damit eine Spannung, welche die Abwesenheit von Information zum Katalysator der Imagination werden lässt – die Bilder werden zum Platzhalter, zur "Terra Imagina", zum Raum für Interpretation und Assoziation.

Text: Martin Waldmeier

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X m3 Gallery Spaces, August 2008
Eine Expedition in den Galerieraum

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Der White Cube ist spätestens seit O'Dohertys Essay "Inside the White Cube" im Jahre 1976 im Artforum ein Begriff in der Kunstwelt, der viel diskutiert und kritisiert wird. Nachdem er vor allem in den 60-er Jahren unter Druck geraten war, wird dieser Ausstellungsraum im Moment weniger hinterfragt. Doch verstehen wir unter dem Begriff "White Cube" noch immer die klar definierte Form von Zeige-Raum, der alle äussere Einflüsse von der sich darin befindlichen Kunst fernzuhalten versucht und selbst als architektonischer Raum möglichst neutral zu sein hat? Oder verändert sich der Raum unter den heutigen Anforderungen der Kunstwelt in kontextbezogenere Formen mit "Fenstern" zur Aussenwelt?

Ausgehend von der Architektur der heutigen Galerien in Zürich versucht das Projekt "X m3 Gallery Spaces" eine Art kulturkritische Expedition in den Galerieraum, um eine minutiöse Situationsanalyse und Bestandesaufnahme des jeweiligen Raums vorzunehmen. Untersuchungsgegenstand ist der materielle Raum, an dem sich Spuren der Veränderung entdecken lassen. Der jeweilige Raum wird auf seine architektonische Grundfeste zurückbuchstabiert, um dann in einer Art phänomenologischem Versuch durch Personen mit unterschiedlichsten Hintergründen entdeckt und erforscht zu werden. Die Person fungiert dabei als wahrnehmendes Subjekt und thematisiert den architektonischen Raum nicht als mathematische Abstraktion, sondern als Bezugspunkt menschlicher Existenz. Diese subjektive Raumerfahrung steht dem Konzept eines objektiven Raumverständnisses gegenüber und stellt gleichzeitig die Selbstverständlichkeit des wahrgenommenen Raums in Frage.

Die leere Galerie als Ausgangspunkt einer Erforschung des Raumes und seiner Bedingungen. Vier Personen, die sich während einem Tag den Räumen aussetzen und beobachten, was sie mit ihnen anstellen. Oder die Räume mit ihnen: Wie sie sich darin fühlen, was sie sich darin fragen, wie sie darin handeln, warum sie das tun und was es eigentlich für eine Rolle spielt, dass der leere Raum ein Galerieraum ist? Untersucht werden die leeren Räume der Galerien BolteLang, Häusler Contemporary, Karma International und der Galerie Römerapotheke. Die Beteiligten setzten sich für einen Tag jedem der vier Räume aus. Sie waren dabei allein und unbeobachtet. Die Ergebnisse der Auseinandersetzungen wurden in einer Publikation zusammengefasst.

Text: Esther Spycher

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